feature | Chassadim und Charisma

Martin Bubers frühe Deutung des Chassidismus

 von Martin Treml

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hat Martin Buber Arbeiten zur mystischen Bewegung des Ostjudentums und zu ihren Meistern, den „Zaddikim“ (wörtlich „Gerechten“) vorgelegt, die in seinem Werk eine Sonderstellung einnehmen. Sowohl „Die Geschichten des Rabbi Nachman“ (1906) als auch „Die Legende des Baal-Schem“ (1908) wurden zu Bestsellern des Fin de Siècle und waren ausgesprochen schöngemachte Bücher. In ihnen wird ein ganzer Kontinent religionskultureller Praktiken dem assimilierten Westjudentum bekannt gemacht, das nun in diesen Volksmärchen seine eigenen Wurzeln entdeckt zu haben glaubt. Auch werden religionstheoretische Überlegungen vorgetragen – vor allem zu Mystik und Mythos –, die nicht nur innerhalb des Kulturzionismus, sondern auch unter Intellektuellen anderer Religionen Aufmerksamkeit gefunden haben. Schließlich formuliert Buber auf der Grundlage des Chassidismus eine allgemeine und praktische Theologie der Erlösung, in der er neben dem Gebet auch der Handlung eine wichtige Funktion zuweist, ja zwischen „guten“ und „bösen“ Taten keinen prinzipiellen Unterschied erkennen will. Medium dieser Theologie ist die Erzählung: sei sie eine längere Geschichte, die Buber „nacherzählt“, sei sie der knappe Ausspruch des Charismatikers, des Mittlers zwischen Gott und Menschen, der der Gemeinde seiner Anhänger vorsteht. Ohne sein Wirken ist die Befreiung der „Schechina“ – Gottes Glorie, seine „Tochter“, die „Braut“ – aus dem Exil unmöglich, in dem sie herumirrt wie das Volk Israel.

Audiobeitrag. Vortrag von Martin Treml im Rahmen des Workshops „Synergie. Konzepte - Techniken - Perspektiven“ (29.06-01.07.2011)



Zitierung:
Martin Treml: Erzählen und Erlösen: Martin Bubers frühe Deutung des Chassidismus, in: Tatjana Petzer (Hg.): SynergieWissen. Interdisziplinäres Forum & Open Access Lexikon, 01.10.2012, http://www.synergiewissen.de